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Tag 32 Säuferhöhen Schloß Fürstenstein 0km

Veröffentlicht am 30. Juni 2021 um 22:40

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung doch sein kann. Im Auto rast alles an einem vorbei. Die Landschaft ist lang nicht mehr so spektakulär wie mit dem Rad. Mag auch an dem tief verhangenen Himmel liegen. Aber das juckt mich grad gar nicht, ebenso die Steigungen, die der Wagen kaum spürbar meistert. Es ist aber auch mal wieder schön, nach einem Monat, wieder in einem mit fossilem Brennstoff betriebenen Gefährt zu sitzen. Soviel CO2 wie ich eingespart habe, darf es heute mal ein wenig Sünde sein. Ich habe auch Radler vor mir auf der Straße, ich die extra vorsichtig mit ganz viel Abstand überhole. Mensch, sind die langsam und bremsen mich aus. Ich fahre ein Stück gleiche Wegstrecke, die ich mich gestern in anderer Richtung hochgequält habe. Jetzt ist gerade nur ein Fuß ein wenig beschäftigt. Und trotzdem steige ich gerne morgen wieder aufs Rad.

Um meine Geschichtsneugierde zu befriedigen habe ich heute zwei Schauplätze auf dem Plan. Zunächst die Underground City Osowka (übersetzt Säuferhöhen) und dann das Schloß Fürstenstein.

Sehr versteckt im Wald des Eulengebirges befindet sich der Eingang zu dem Stollensystem Osowka. Mit Audio Guide bewaffnet kann ich an einer Tour teilnehmen. Ich bin der einzige Ausländer. Der  Guide aus Fleisch und Blut erzählt alles in polnisch, so dass ich froh bin, die Führung in Deutsch vom Band hören zu können. Nur die eingebauten Witze des Tourguides gehen an mir vorbei. Das ist nicht weiter tragisch, den der Ort macht sehr nachdenklich und ich fühle eine gewisse Beklemmung. Nicht von der Enge, sondern viel mehr aufgrund der Vorstellung, welches Leid hier die zig tausend Zwangsarbeiter ertragen mussten. Mehrere Kilometer an Stollen und großen Räumen wurden hier in das harte Gestein gehauen. Jeder Tag über die Grenzen des Leistbaren hinaus um dann doch elendig zu verrecken. Die meisten haben es nicht überlebt. Um den ganauen Zweck ranken sich viele Gerüchte, ein unterirdischer Rückzugsort für Nazi Größen, Waffenfabriken für die V1 oder gar Atomwaffen, oder Aufbewahrungsort für Kriegsbeute. Fertig geworden ist das hier nicht und genaue Erkenntnisse gibt es kaum. Sehr anschaulich wird das Verbrechen an den Menschen hier dargestellt. Auch mit moderner Technik, die die Szenen von damals über Projektoren an die Wände werfen. Das muss man gesehen haben und ich bin froh den Tag so gestaltet zu haben. Nach gut einer Stunde wird man wieder ans Tageslicht entlassen. Tiefe Eindrücke bleiben zurück. 

Mit etwas Abstand fahre ich weiter in Richtung Schloss Fürstenstein. Mein Handy meldet sich und empfängt die Nachrichten, die mich im Untergrund nicht erreicht haben. Olaf Rüter vom Radio war auch dabei. Da er mich nicht erreichen konnte, machen wir kurze Zeit später das Radiointerview. Das Update auf meine Reise wird morgen früh von 7-9 Uhr gesendet. Da es anscheinend beiden Seiten Spaß bereitet, verabreden wir uns in 14 Tagen erneut. Wer weiß, wo ich dann bin.

Schloß Fürstenstein ist bald erreicht. Hier ist viel mehr los und der Parkplatz kostet auch gleich schon Geld. Die ehemalige Burg aus dem 15. Jahrhundert hat einiges zu erzählen und wurde in der Zeit mal zerstört, wieder aufgebaut und häufig umgebaut. Den ganzen Stammbaum der Herrscherfamilien habe ich mir nicht gemerkt. Außer, dass die letzte Aristokratin Daisy hieß und es nicht so mit der Etikette zu Hofe hatte. Eigentlich wollte ich auch hier in das Stollensystem, welches ebenfalls zum Projekt „Riese“ zählt. Nachdem die Nazis das Schloss übernommen hatten und ordentlich rumgewütet haben, wurden hier auch Stollen unter dem Schloss in den Berg getrieben. Ein Aufzug verbindet Schloß mit Stollensystem. Anscheinend war hier ein neues oder weiteres Führerhauptquartier geplant. Ebenso ist das nicht genau bekannt und nie fertig geworden.

Leider waren die Ticket kontingentiert und die nächste Tour wäre erst um 17 Uhr gewesen. Das ist mir deutlich zu spät, da ich gerne heute Abend im See vor meiner Unterkunft baden möchte. So kaufe ich mir ein Ticket für das Schloss. Wieder mit Audioguide bewaffnet machen ich mich nun eigenständig auf die Reise durch Gästezimmer, Arbeitszimmer, Schafzimmer Musikzimmer, blaue, gelbe, rote Zimmer, italienische und orientalische Zimmer. Immer mit einem entsprechend langem Audiokommentar. Mein Interesse für Zimmer schwindet und ab Station 10 (von 32). Ich kann beim besten Willen nicht mehr. Ich muss raus und rase durch die Zimmer. Leider ist es eine IKEA ähnliche Zwangsführung und ich denke, du willst doch nur Teelichter. Irgendwann bin ich dann doch wieder im Tageslicht angelangt. Als Belohnung bekomme ich eine Tüte Pommes. Zurück sind es ja auch noch gut 1,5 Stunden mit dem Auto. Um 18:00 komme ich am geplanten Ziel an. Wie blöd bin ich denn? Jetzt schon zum dritten Mal auf der Reise bin ich am falschen Ziel. Das richtige Pisecna liegt leider 88km entfernt und ich hab nichts gemerkt. Als ich dann um kurz vor 20 Uhr am Hotel angekommen bin, ist es dann auch zu spät für ein Bad im See, wenn ich noch was zu essen möchte.

Also endet der Tag mit Hirschgulasch anstatt Badespaß.

 


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