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Tag 18 Celmno Gniew 84 km

Veröffentlicht am 16. Juni 2021 um 21:21

Ich liebe Abwechslung und Routine. Das schließt sich nicht aus. Abwechslung bot der heutige Tag wirklich. Zur Routine gehört es, dass am Abend nach der Ankunft zuerst die Daten für die Homepage aktualisiert werden. Es ist schon sehr befriedigend, sowohl den Kilometerzähler zu aktualisieren als auch den neuen Spendenstand zu ermitteln. Das nächste ist die Tourenplanung für den Folgetag. Die grobe Richtung ist klar, aber das nächste Ziel ist abhängig von einigen Parametern : wie fühle ich mich, wie wird das Wetter, wie ist die Topographie, wo ist die nächste Übernachtungsmöglichkeit, wie weit komme ich realistischer Weise. Für die nächsten Tage ist die Aufgabe recht einfach, da das Ziel Danzig ist. Bis dahin sind es 160km. Also zu weit für eine Etappe. Also teilen. Zwei Orte bieten auf der Strecke überhaupt Übernachtungen an.  Gniew ist 80km, der andere 110 km entfernt. Somit fällt die Wahl auf Gniew mit einem Hotel in einer Burganlage. Wenn das nichts ist! 

Zunächst geht es zurück über die lange Weichsel Brücke, die ich gestern bereits in anderer Richtung überquert habe. Der Fluß ist hier sehr breit, aber wohl nicht tief. Man kann direkt den Grund sehen und Schiffe fahren hier auch nicht. Ich stelle mich auf eine lange Fahrt am Deich ein, da ich vom R1 auf den WTR Radweg (grob Weichselradweg) wechseln muss. Danzig liegt nicht am R1. Aha, tatsächlich hinterm Deich fahren. Ich wundere mich, wie ich auf die geplanten 500 Höhenmeter kommen soll. Das wird schnell aufgeklärt, da der Weg mehrmals durch Städte geht, die oberhalb der Weichsel jeweils in 100 Metern Höhe angesiedelt sind. Das macht es schon mal sehr interessant. Oberhalb des Flusses läßt es sich prima radeln. Immer wieder wunderbare Blicke ins Weichseltal. Hier wird viel geboten. 

Jetzt muss ich stoppen, da eine Herde Kühe über die Straße auf den Deich getrieben wird. Ich fotografiere während der Wartezeit : ein Pony auf dem Deich, eine Ziege und mehrere Pferde auf der Wiese. Ein Auto bremst abrupt vor der Pferdewiese, ein Mann mit freiem volltätowierten Oberkörper steigt vom Beifahrersitz aus und tritt gegen eine Mülltonne. Absurd, ich denke, was will der nun. Er steigt wieder ein und der Motor häult auf und wird abgesoffen. Er schreit aufgeregt seine Frau an, die fährt. Mit durchdrehenden Reifen fahren die beiden weiter, bis ich sehe, dass seine Frau wohl eher seine Tochter ist und die grad mal 13 Jahre zählt. Scheint wohl eine Übungsfahrt zu sein. Mittlerweile sind auch alle Kühe auf dem Deich und die Fahrt wieder frei. 

Apropos freie Fahrt. Irgendwo auf einem Schotterweg im Nirgendwo steht ein Umleitungsschild, dem ich keine Beachtung schenke. Oder hat das was mit der auf meiner Navi App unterbrochenen Linie für den Radweg zu tun? Ich fahre bis zum Ende der Linienunterbrechung. In Realität fehlt hier eine Brücke über die Autobahn, stattdessen wieder eine Großbaustelle. Ich verschaffe mir einen Überblick und finde einen möglichen Weg zur anderen Seite. Wie ich über die Autobahn gekommen bin, schreibe ich mal lieber nicht. Aber das rettende Ufer konnte ich erreichen.

Heute sind es viele Schotterwege, die auch plötzlich in einer Abfahrt in eine Sandpiste übergehen. Ich kann mein Rad noch so gerade halten, denn das Gepäck tut sein übriges. Der Sand wird ab sofort zu meinem größten Feind. Ich muss zurück denken an meine Kindheit und Fahrradtouren mit den Eltern. Hier wurden Sandwege auch immer mit „huch“, „hach“ und Schieben begleitet. Ich fand das eigentlich damals gar nicht schlimm. Anscheinend bin ich jetzt in dem Alter wie meine Eltern damals…

Nun kommt ein ewig langes Waldstück. Ich bin total allein. Ich bleibe einfach mal 10 Minuten stehen und höre mir den Wald an. Ich mache ein Waldvideo um die Geräusche aufzunehmen. Jetzt ist Zeit für sowas und es ist toll. Kann man zuhause auch wohl machen, tut man aber nicht, ich zumindest nicht.

Gerade als ich beim Weiterfahren denke, dass mich hier niemand finden würde, wenn ich stürze und es auch keinen Handyempfang gibt.  Es ist bestimmt 30 Minuten her ist, wo ich den letzten Meschen gesehen habe. Genau in diesem Moment überholt mich ein Mountainbiker im Affentempo mit anerkennendem Blick, wie ich mich hier hoch quäle. Er sagt nur „ Dzień dobry“. Zum Glück ist man nirgends allein und er fährt in meine Richtung. Es scheint also irgendwo hin zu gehen.

Das Ziel ist wirklich eine riesige Burganlage mit Hotel. Wie scheinbar alle Orte hier, auch dieser oberhalb des Flusses gelegen. Aus meinem Ritter Zimmer habe ich einen märchenhaften Blick über die Weichsel. Traumhafte Ruhe und ich schlafe fast ein, als ich auf meinem Bett liege. Doch das Schwimmbad kann ich mir nicht entgehen lassen. Nach ein paar Bahnen setze ich mich für eine halbe Stunde in den Whirlpool. Mega! Wer denkt, dass ich jetzt dem Luxus verfalle, dem kann ich sagen : vielleicht, aber das Zimmer mit Frühstück kostet nicht mal 50€. Dafür schlage ich heute mal kein Zelt auf und nehme keine Schlafkapsel im Schlafsaal. Alles zu seiner Zeit, Hauptsache abwechslungsreich. 

Total entspannt warte ich nun auf mein Essen in der Abendsonne auf der Terrasse im Burghof. Ich fühle mich hier eine wenig underdressed zwischen der Highsociety Polens. Aber bei den komischen Vögeln hier ist das dann auch egal. Einer hört als Alternativprogramm zur Restaurant Musik lautstark auf den Smartphone  seine eigenen polnischen Volksweisen. Ein Paar nimmt wortlos einfach meine Speisekarte vom Tisch. Und jetzt kommt noch ein Handwerker, der die Planken der Terrasse festschraubt. Und ich mach mir Sorgen um meine kurze Hose.

Morgen freue ich mich auf die letzte Etappe nach Danzig und dort dann ein Tag Pause. 

Leider wird es die einzige Stadt an der Ostsee werden und bleiben.


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