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Tag 19 Gniew Danzig 71km

Veröffentlicht am 17. Juni 2021 um 22:14

Heute kann man den Tag echt als Cruisen oder gemütliche Radtour bezeichnen. Die mittlerweile gefühlt lächerlichen 71 Tageskilometer (man gewöhnt sich an alles und Training bringt was) vergehen wie im Flug. Die Strecke führt fabelhaft ohne Verkehr, obwohl es weder R1 noch Weichselradweg ist, bis fast nach Danzig in die Altstadt rein. Bis 2km vor Ende denke ich, dass ich entweder wieder einen Fehler bei der Eingabe der Zieladresse gemacht habe, oder die von booking.com haben bei den Hotelangaben geschummelt, wenn sie schreiben : Stadtzentrum. Es geht bis kurz vor dem Stadttor nur durch Landschaft, inkl. toller Radwege extra für Radfahrer, die ich bislang so noch nicht hier in Polen hatte. 30km vor dem Ziel meint man, dass man sich in Holland befindet, sogar mit Windmühle und sehr lange an einer Gracht entlang. Ich fühle mich an den Amsterdam Marathon zurückerinnert, wo es auch eine lange Strecke ähnlich dieser an einem Gewässer entang ging und wieder zurück. Mit dem Unterschied, dass ich hier und jetzt den Luxus eines Verkehrsmittels habe. 

Der Luxus stellt sich aber als trügerisch dar, als der Weg 15km lang über quer verlegte Platten verläuft. Zwar ohne Verkehr, aber dafür jeden Meter ein heftiges „Rabums“. Zum Glück drängt ja heute nichts, so dass mit 7km/h jede neue Platte gebührend befahren wird. Bei höherer Geschwindigkeit würde es die Klamotten vom Fahrrad fliegen. Ich denke nur, beim Amsterdam Marathon war ich ein wenig schneller. Aber Zeit ist ja egal. 

Hinter dem Stadttor von Danzig beginnt die Zivilisation. Es stehen oder liegen plötzlich wieder Leihscooter rum und ich freu mich wie Bolle, dass ich einen mega Autostau vor einer Ampel einfach links liegen lassen kann. So schön kann man in eine Stadt reinfahren mit über 470.000 Einwohnern.

Nun bin ich hier in Danzig angekommen und habe morgen den zweiten Tag radelfrei, nach insgesamt 18 Tagen im Sattel. Aber wie ich ja gestern geendet habe, ist die Reise nun hier zu Ende. Zumindest so wie ich sie ursprünglich geplant habe. COVID ist nun doch noch präsent. Weiter nach Norden bzw. Osten geht es nicht, da das nächste die Enklave Königsberg wäre. Putin läßt noch keine Touristen über Land rein. So müsste ich die Region umfahren, um dann Litauen zu erreichen. Danach wäre schon wieder in Lettland Schluss. Selbst wenn man sich da irgendwie mit einem triftigen Grund, z.B. Arbeit (auf dem Rad?) durchmogeln würde, würde ich Estland erreichen. Das scheint für geimpfte offen zu sein. Danach ist wieder Schluß, denn dann käme wieder Russland, was nicht geht. Ebenfalls Finnland geht nicht und eine Fährfahrt nach Schweden ginge erst wieder ab 16. Juli. Macht alles keinen Sinn.

Somit Planänderung und ich freue mich auf den Eurovelo 9, der von Danzig bis Pula in Kroatien geht. Alle Länder auf dem Weg scheinen offen zu sein. Moskau muss dann leider vertagt werden, aber so schlimm ist das Mittelmeer ja auch nicht. Und je nachdem wie man fährt, sind es erst mal weitere 2000km tolle Eindrücke, die mich hoffentlich erwarten. Ich freue mich und schön, dass ich aktuell so frei in der Entscheidung bin. Ich denke, dass nun nach fast drei Wochen der maximale Standardurlaub für die arbeitende Bevölkerung vorbei wäre, mir aber noch der Großteil bleibt. Hoffentlich folgt ihr mir auch in die Richtung, wenn die Kompassnadel nun stramm nach Süden zeigt.

Eigentlich bin ich aktuell sehr gelassen. Aber aufregen kann ich mich doch. In der guten Unterkunft heute frage nach einer Unsterstellmöglichkeit für mein Bike. Kein Problem auf dem Parkplatz ist Platz, kostet 16€ pro Nacht. Da mir die Augen aus dem Gesicht fallen, fragt der Kollege an der Rezeption seinen Chef. Nun kostet es 8€ pro Nacht. Ich zeige eine Vogel und sage, dass ich das Fahrrad irgendwo ander unterstelle. Was ich nicht tue und es einfach auf dem Parkplatz ankette. Geld wurde mir noch nie irgendwo auf der Welt für ein Fahrrad in einem Hotel abgeknöpft. Das kann ich ja gar nicht leiden. Mal sehen, was passiert. Es passiert, dass nach kurzer Zeit mein Telefon auf dem Zimmer klingelt. Als ich rangehe, ist schon niemand mehr dran. Die ziehen das wirklich durch. Ich überlege schon, welches Rezension ich schreiben werde. 

Ich will nun die Stadt erkunden und muss an der Rezeption vorbei und werde jäh gestoppt.  "Sorry, sorry, Sie können das Bike gerne ins Hotel bringen und wir stellen das unter. Es ist ja gar kein Motorrad". So schnell kann man sich missverstehen, alles ist wieder gut und obendrauf gibt es morgen um 11 Uhr eine Gratisfahrt mit dem Boot. Nun sieht die Rezension schon ganz anders aus, wenn ich die überhaupt schreibe. 

Der Abend wird wie beendet? Mit einem Danziger Goldwasser natürlich. Ist da wirklich Gold drin? 

 

 


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Kommentare

Dirk O.
Vor einem Monat

Schade, dass Du Deinen Plan nicht durchziehen kannst. Trotzdem viel Spaß auf dem Weg gen Süden.

Dirk O.
Vor einem Monat

... und trotzdem werde ich 1 Cent pro km für Dein Projekt spenden.

Werner Lorenzmeier
Vor einem Monat

Hallo Markus, ich bewundere Dich bezüglich Durchhaltevermögen und Flexibilität!
Viele andere hätten vielleicht die Lust verloren, aber Du wählst ein Ziel in genau entgegengesetzter Richtung vom jetzigen Standort in Bezug zum Startpunkt.
Aber super... Dein Weg ist ja Dein Ziel...
Ich freue mich auf die weiteren Berichte.
Herzliche Grüße aus dem Lipperland.

Andreas Hjalmarsson
Vor einem Monat

I'm so sorry to hear this! I was really looking forward to your baltic and russian diary! I have thoughts of cycling to Moscow myself, maybe next year... But I am sure you will have a great ride on your new route! Enjoy!