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Tag 20 Danzig 0km

Veröffentlicht am 18. Juni 2021 um 22:31

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Ich bin früher wach als erwartet und verschiebe die kostenfreie Bootsfahrt um eine Stunde nach vorne auf 10 Uhr. Das kleine Boot liegt schon am Steg und hier putzt der Kapitän noch selbst. Mit drei anderen Passagieren geht die Fahrt einmal rauf und wieder runter mitten an den prächtigen Altstadthäusern vorbei. Nach 40 Minuten ist die Reise am Ende und ich bin wieder am Startpunkt am Hotel. Mich überfällt eine Müdigkeit, die man normaler Weise mit einem Kaffee überbrücken würde. Ich gönne mir den Luxus, mich nochmal eine Stunde aufs Beet zu legen. Ich höre im Halbschlaf das Glockenspiel der nahen Kirche und zähle die darauffolgenden Glockenschläge, die die Uhrzeit ankündigen, eins,.zwei, drei,….elf, zwölf! Jetzt aber hoch und Danzig erkunden.

Die Sonne brennt und ich schlendere durch die Gassen. Die beste Möglichkeit eine neue unbekannte Stadt zu erkunden ist für mich immer noch Geocaching. Man wird dadurch automatisch zu den sehenswerten oder interessanten Spots in der Stadt geführt inkl. Spaß und Spannung für mich. Besonders passend finde ich einen Cache in Verbindung mit einem Fahrrad (siehe Spoiler in den Fotos zum heutigen Tag). Ich übertreibe es nicht, lasse es bei zwei „Schätzen“ und widme mich wieder klassischen Sehenswürdigkeiten. In der Marienkirche zünde ich erneut 3 Kerzen für die Familie an. Das ist mittlerweile ein wichtiges Ritual für mich geworden. Man hält insbesondere inne und die weit entfernte Familie ist ganz nah.

Hier kann man für 10 Zloty den Turm besteigen. Netter Weise wird auf die 400 Stufen hingewiesen. Die Anzahl der bezwungenen Stufen wird in Zehner Schritten mit weißen Zahlen an der Wand angezeigt. Nun mal nicht übertreiben, ist ja kein Ding. Oben hat man einen tollen Überblick über die Stadt und sieht, dass Danzig sehr kompakt ist. Ein paar deutsche Touristen aus der Pfalz unterhalten sich, wie toll das hier alle renoviert ist und wieviel Geld dafür geflossen ist. Ist mir egal, ich genieße die Aussicht. 

Wieder unten bewundere ich die schönen Fassaden der Altstadthäuser, die nach totaler Zerstörung im zweiten Weltkrieg rekonstruiert wurden. Gut, dass hier ähnlich wie in meiner Heimatstadt Münster der Aufbau nach alten Vorbildern erfolgt ist und nicht die damals vorherrschende Moderne Einzug genommen hat. So fühlt man sich wirklich wie in einer Altstadt und nicht wie in einer Großstadt Tristesse. 

Ich möchte nun wie in alten Zeiten Postkarten schreiben. Der Erwerb der Karten ist meistens nicht das Problem, sondern vielmehr das Schreiben und insbesondere die Postwertzeichen. Letztere gibt es leider nicht im Souvenir Shop. Die Verkäuferin hat auch keine Ahnung, wo man die bekommt. Klasse, denke ich und bemühe google. Das Postamt ist 200m entfernt. Und das ist wirklich noch ein Amt, wie es im Buche steht. Respektvoll betritt man durch eine große Holztür das Gebäude und eine Posthalle tut sich einem auf. Viele Schalter mit LED Anzeigen. Ich muss eine Nummer am Automaten ziehen : A182. Aktuell ist B103 dran laut LED Anzeige. Keine Ahnung wie lang das dauern wird, aber ich will ja nur sechs Briefmarken. Ich mache mir grundlos Sorgen. In dem angezeigten Zahlen Durcheinander wird ganz schnell A182 erreicht. Am Schalter 5 bekomme ich meine 6 Briefmarken für stolze 10€. Jetzt bleibt nur noch das Schreiben über und der Einwurf in den Briefkasten. Postkarten sind also ein ganz wertvolles Gut. Bitte liebe Empfänger würdigt es, sonst gibt es zukünftig nur noch WhatsApp!

Es ist wirklich zu heiß für die Gassen hier. Die Sonne brennt. Der Wind ähnelt einem Wüstensturm. Ich muss wieder aufs Wasser.

Mich interessiert ein Ausflug nach Westerplatte. Der deutsche Name ist auch in der polnischen Sprache so geblieben. Die Stätte hat eine besondere Bedeutung, denn hier hat der zweite Weltkrieg am 01.09.1939 um 4:47 begonnen. Getarnt als Schulschiff in friedlicher Mission, feuert die Schleswig Holstein am Morgen des besagten Tag Granaten auf die dortigen Munitionsdepots. Als Rechtfertigung galt der angebliche aber fingierte Angriff auf den Sender in Gleiwitz. Worin das alles endete, brauch ich nicht zu erzählen.

Zum historischen Ort fahren Schiffe. Am Anleger werde ich direkt abgefangen und überzeugt. Ich fahre Piratenschiff. Für den Briefmarkenpreis darf ich nun auf einem 1a Piratenschiff 30 Minuten rausfahren, 1h dort bleiben und 45 Minuten zurückfahren. Inkl dreisprachiger Erklärung, wobei ich mich schwer tue, polnisch von englisch und deutsch zu unterscheiden. Zunächst bin ich relativ alleine an Deck. Doch kurz bevor die Piraten in See stechen gesellt sich eine polnische Reisegruppe zu mir. Hier beginnt meine Gruppenanalyse. Ich verstehe nichts, aber es scheint in jeder Gruppe immer einen Clown zu geben, der alle unterhält. Einige finden es gut, andere lachen gequält. Ich habe wieder ein Spoilerbild in der Fotoauswahl. Wer den Spaßvogel erkennt und mir die richtige Antwort schreibt, kriegt ein Goldwasser ausgegeben.

Bei der Hinfahrt, zumindest zu Beginn sind alle aufmerksam, aufgeregt bis das Boot ablegt und insbesondere wach. Auf der Rückfahrt, führt dann doch die Monotonie der Geräusche zu mehreren wegnickenden Piratengästen. Das ist auch so ein mir wohlbekanntes Phänomen auf derartigen Ausflügen.

Es wird mir klar, dass die Piratenaktion in krassem Kontrast zu dem steht, was mich auf der Halbinsel Westerplatte erwartet. Es stehen dort noch die zerbombten Munitionsdepots. 1939 war es hier bestimmt nicht lustig, wird mir klar. Mir wird wehmütig und fasse mein Glück kaum, dass ich heute hier bin und unser Generation sowas nicht mitgemacht hat und hoffentlich nicht mitmachen muss inkl. der nächsten Generationen. 

Die Piraten holen mich wieder ab und wie geschrieben ist es eher ruhig auf der Rückfahrt. Nur ein grauhaariger Seebär, der gerade noch das Steuerrad bedient hatte,  gibt noch live polnischen Seemannslieder mit Gitarrenbegleitung zum Besten, die aber auch kaum einen wach halten. Kurz vor Anlegen weckt mich dann der schräge Gesang aus meinem Halbschlaf. Piraten sind gute Menschen, denke ich. Heute morgen habe ich noch ein Video vom Piratenschiff am meinen Paul zuhause geschickt, der eine andere Meinung von Piraten hat. Diese Illusion werde ich einem fünfjährigen natürlich nicht nehmen und ihn im Glauben lassen wie mutig Papa war.

Es geht auf 19 Uhr zu. In einer tollen Bar entdecke ich in meinem Liegestuhl sitzend ein Rum Tasting in der Karte. Es ist ja schließlich Wochenende und ich bestelle die Trinidad Collection bestehend aus drei unterschiedlichen Shots. Die Lieferung erfolgt durch den Rum-Master persönlich inkl. einer sehr interessanten Einführung in die unterschiedlichen Rums aus Trinidad und Tobago. Ich erfahre, dass aus den über 200 Destillerien dort nur zwei übrig sind. Eine davon produziert 99% (drei davon probiere ich). Die restlichen 1% sind unbezahlbar. So endet der Tag einmal mehr im Zeichen der Piraten.

 

 

 


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Kommentare

Werner Lorenzmeier
Vor einem Monat

Ich weiß zwar nicht was ein Spoilerbild ist, aber der Spaßvogel ist der Dicke im gelben Unterhemd...?

Markus Graf
Vor einem Monat

Hallo Werner,
das ist komplett richtig. Schreib mir doch bitte auf meine Email : info@leezenexplorer.de damit wir ausmachen können, wie wir den Preis vergeben. P.S. ein Spoiler ist ein Hinweis …. LG Markus