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Tag 22 Kahlberg Elblag 45km

Veröffentlicht am 20. Juni 2021 um 21:03

Der unerträgliche Geruch in meinem Hotel setzt sich morgens fort. Was gestern noch Gas und Muff war, ist heute Schwefelgeruch in der Dusche und Frittenfett im Aufzug. Auch das Frühstück ist schlecht getimed, da es erst um 8 Uhr beginnt. Ich muss doch spätestens um 9 Uhr an der Fähre sein und vorher noch Bargeld abholen. Was ich nachher gar nicht brauche. Die Fähre darf ich auf keinen Fall verpassen, da diese nur einmal täglich fährt und es der einzige Weg weg von der Landzunge ist um weiterzukommen. Nach Osten ist die Grenze zu Russland, nach Westen der gleiche Weg wie gestern. Also hatte ich mich frühzeitig um diese Verbindung gekümmert und mehrmals auf der angegebenen Nummer angerufen, um mich zu vergewissern, ob das Ding überhaupt fährt und dann auch noch ein vollgepacktes Fahrrad mitnimmt. Leider habe ich nie jemanden erreicht. So bleibt ein Stück Spannung bei dem erneut hastigen Mahl im Hotel. Ich packe mir einfach zwei Brötchen zum Mitnehmen ein, dick belegt mit hier wohl üblichen gut portionierten Wurstscheiben. Bei uns könnte man Schnitzel daraus machen. 

Der Bankautomat strahlt keine besondere Zuverlässigkeit aus, da sich dieser (einzige im Ort) in einem komischen Hinterhof befindet. Unter einer Art Markise ziehe ich 500 Zloty. Das soll reichen. Nun schnell zur Anlegestelle, die ich gestern bereits ausgekundschaftet habe. Und tatsächlich steht da ein Boot, bereit um Menschen und Fahrräder aufzunehmen. Also Spannung vorbei, alles ist auf dem Schiff. Die Fahrt geht schön luftig über fast zwei Stunden auf die andere Seite bis nach Frombork. Uns wird die Grenze zu Russland gezeigt.

Die Ladung Touristen inkl. mir mit meinem Bike wird schnell gelöscht und ich fahre los gen Frombork. Mir fällt auf, dass niemand von mir Geld haben wollte und ich auch gar kein Ticket mit meinem Bargeld erworben habe. Ich bin aber schon relativ weit weg. Wenn also jemand von der Fährgesellschaft das hier lesen sollte, ich schulde Euch noch 48 Zloty. Sorry, war keine direkte Absicht.

In der schönen Kleinstadt Frombork ist Kopernikus allgegenwärtig. Er lebte und wirkte hier von 1513 bis zu seinem Tod. Wer wusste es nicht. Für meine Tour heute wähle ich nicht den R1 zugunsten der GreenVelo (diese wäre auch eine Alternative für den weiteren Weg gewesen, führt dann weiter über Ostpolen über 1000km). Aber ich möchte ja nach Pula. Zumindest ansehen will ich mir den Weg, da der R1 schnurgerade über eine größere Straße geführt wird. Ganz im Gegensatz zum gewählten Weg, der zwar anstrengend ist, aber nichts mit Verkehr zu tun hat. Hier sind wieder alle Fahrbahnoberflächen im Programm. Gut, dass ich ein entsprechend stabiles Rad habe. Es rappelt ohne Ende, also green und toll. Kurz überlege ich, ob dies doch eine Wegalternative in die andere Richtung wäre, aber verwerfe das wieder zugunsten anderer Länder und Vegetationszonen.

Wieder lockt ein traumhafter Strand zum Baden. Ich ziehe es aber vor weiterzufahren. Und dann passiert das, was ich bislang nicht für möglich gehalten habe. Nun bin ich endlich auf der Strasse angekommen. Niemals vorher hätte ich das gemacht. Aber zwei Dinge sprechen dafür. Erstens die Hitze und zweitens die deutliche zu sehende Fahrradfahrer-Bräune. Mir ist in dem Moment egal, dass sowas nur zwei Gruppen von Menschen tun. Entweder die, die es sich wirklich leisten können oder die, die nichts mehr zu verlieren haben. Irgendwie fühle ich mich zu keiner der beiden Gruppen zugehörig.  Aber ich mache es jetzt und streife mir mein Shirt ab und fahre mit freiem Oberkörper weiter. Das ist unglaublich. Das mit der bislang erreichten Bräune sieht wahrscheinlich komisch aus, aber der weiße Rücken wird wohl auch aus Sicherheitsgründen ein Vorteil sein. Braun sind bislang nur Gesicht, Arme bis zum Oberarm und die Beine abwärts der Kniegelenke. Klar, typische Fahrradbräune. Jetzt wird der Rest angebräunt. Eine Stunde muss reichen. Ich merke noch keinen Unterschied. 

Mit wieder angezogenem Shirt fahre ich in Elblag ein. Hier ist an jeder Ecke Live Musik. Sonntag Abend und es scheint eine Art Stadtfest zu sein. Ich beziehe ganz schnell meine Unterkunft um nach dem Duschen gleich wieder auf der Straße zu sein. Denn Live Musik kenne ich nur noch aus Erzählungen von vor dem Corona Ding. Ich genieße jede einzelne Band. Alles vertreten von Free Jazz, über Rock, Experimentell, Schülerband und Schlager (auf Polnisch). Das nenne ich Entzug. Ich liebe es. 

Ich suche mit ein Restaurant für das Abendessen aus und möchte hier auch Livemusik erleben. Man hört die Schülerband. Dann werden alle ganz nervös. Ein Opernsänger trällert von der Straße um die Gunst einer Sopranistin auf einem Balkon. Schön! Der Grund, warum ich hier sitze, ist ein ursprünglich verwaister Auftrittsort. Dort liegt nur eine Trompete, ohne Künstler. Der Künstler spielt nun von seinem Vater motiviert viele tolle Kinderlieder auf der Trompete. Aber irgendwann muss der 8 jährige ja wohl ins Bett. Hoffentlich haben die Schulferien hier noch nicht begonnen.

 

 

 

 

 


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Kommentare

Annette Graf
Vor einem Monat

Wurde Opa Popolski tatsächlich der ganze Popmusik in Polen gestohlen? 😂

Markus
Vor einem Monat

Polka ist der Mutter von der Technomusik

Hilbing Gerd und Trü
Vor einem Monat

Wir waren heute auch mit dem Fahrrad in Südlohn und dort Elisabeth Huning wunderschönen Garten besucht. Sie hat uns von ihrer großen Radtour erzählt und wir sollen ihnen viele Grüße bestellen. Ich glaube Ihre Frau saß an der Kasse. In kahlberg und auf dem Frischen Haff und in Frauenburg waren wir auch.
Herzliche Grüße aus Vreden und weiterhin gute Fahrt durch die Masuren.