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Tag 23 Elblag Kwidzyn 80km

Veröffentlicht am 21. Juni 2021 um 20:36

Die Nacht hat mich eine Mücke geärgert. Nach ein paar misslungenen Versuchen, klebt das Ding blutverschmiert auf meinem Arm. Hab ich Dich! Kurz vor dem wieder Einnicken summt es erneut. Wiedergeburt oder neue Missgeburt. Ich rolle mich trotz Hitze im Zimmer in die Decke ein, um die Angriffsfläche möglichst klein zu halten. Sehr früh wache ich dann schweißgebadet auf. Früh ist auch gut, denn es wird heiß und ab Mittag wieder stürmisch. Also am Morgen schon mal ein paar Kilometer machen. 

Um 8:30 sitze ich auf dem Rad und um 9:00 bin ich wieder ohne Shirt unterwegs. Ich kann es jetzt schon im Fahren ausziehen. Ich möchte weiterhin die Bräune angleichen. Heute ist Montag und ich schaue mich um und muss zweifelsfrei denken, wie gut ich es habe. 

Keine Ahnung was ich mit dem Schild machen soll mit dem verbotenen Männchen? Ist hier Fahhrad fahren erlaubt? Ich ignoriere es und es passiert nichts. 

Ich bin die letzten Tage wirklich 24h für mich allein. Die Sprachbarriere ist unerwartet hoch. Ich werde angesprochen, leider kommt inhaltlich nichts bei mir an und auf der anderen Seite ebenso nichts. Einzig „Pivo“ und „Zloty“ in einem Satz verstehe ich noch. Aber um 10 Uhr morgens schon nach Bier betteln, unterstütze ich auch nicht. 

So bin ich mit meine Gedanken alleine. Und man denkt immer irgend was.

Bei der Hitze auf dem Fahrrad ist Wasser das allergrößte. Ich freue mich, wie toll so ein Körper funktioniert. Ich trinke mehrere Liter Wasser, die in Form von kleinen Schweißperlen wieder den Körper verlassen. Dank Verdunstung verschafft sich der Körper Kühle, zumindest ansatzweise. Ich finde das grad total faszinierend wie der Mensch so klasse funktioniert. 

Allein mit sich zu sein, verschafft auch Zeitraum, um größere Probleme als Verdunstungskälte zu verarbeiten. Ich nutze  immer wieder Zeit, zwei größere Enttäuschungen in der letzten Vergangenheit zu bewältigen. Eine familiäre Enttäuschung, wobei mit hier völlig klar ist und mir immer richtiger erscheint, bis aufs Letzte für die Familie zu kämpfen. Hier bin ich mir sicher, dass es sich lohnt. Ich liebe Euch! 

In beruflicher Hinsicht ist für mich sehr klar und daran habe auch noch keine Sekunde gezweifelt, den richtigen Schritt getan zu haben. Auch nach 30 Jahren in einem sicheren und guten Job kann man durchaus die Reißleine ziehen, wenn man die Entwicklung und den Entscheidungen nicht mehr mittragen kann. Ich bin froh, hier nicht „Augen zu und durch“ für mich entschieden haben. Auch aus diesem Grund sitze ich jetzt hier auf dem Fahrrad und freue mich auf eine neue Herausforderung ab dem 1. Oktober in einem neuen Unternehmen. Da ist diese Zeit alleine genau das Richtige um den Kopf frei zu bekommen. Das geht für mich nur alleine für mich, das Ganze nicht nur oberflächlich zu verarbeiten. Ich glaube, dass dies eine sehr gute Therapie gegen einen möglichen Burn Out sein kann, wenn man es so nennen möchte. An dieser Stelle sei auch gesagt, dass 99,9% der Kollegen, die besten waren, die man sich vorstellen kann. Aber auch 0,1% machen den Braten fett. Schade, aber richtig.

Das Shirt ist wieder übergestreift, da ich merke, dass die bislang noch weiße Haut, rötlich zu werden scheint. Besser später noch mal für ne halbe Stunde nachbräunen.

Es ist Zeit für solche Zeilen, da der Weg gen Sünden schön ist, aber keine neuen Highlights bringt. Eine ähnliche Strecke bin ich ja vor einigen Tagen bereits in die andere Richtung hoch gefahren.  Also nun erst mal den R1 rückwärts.

Kurz vor dem Tagesziel mache ich Pause vor einer verlassenen Tankstelle. Das Dach steht noch und spendet Schatten. Ich wundere mich, dass an diesem verlassenen Ort, wo ich mich alleine wähnte, plötzlich ein Auto nach dem anderen hält. Da hier eigentlich gar nichts ist und Tanken auch seit geraumer Zeit nicht mehr möglich ist, bin ich irritiert und doof ist auch, dass alle mit laufendem Motor hier stehen. Aber alles klärt sich auf, als ein Bus hält und mehrere Kinder aussteigen, die hier wohl von ihren Eltern die letzte Meile bequem bis nach Hause überbrückt bekommen.

Ich habe mir die letzten Male angewöhnt, keine Hotels mehr zu buchen, sondern privat geführte Appartments. Das war gestern schon toll und heute auch wieder. Für schmales Geld kriegt man tolle modern eingerichtete Unterkünfte. Nur der Check In ist mit vielen Zahlencodes für die Eingangstüren verbunden. Ansonsten ist hier niemand vor Ort. Gestern musste ich ein wenig vor der Tür warten, da die Codes erst nach mehrmaligen Telefonaten bei mir per SMS ankamen. Heute schon frühzeitig. Eingangstür geöffnet mit der „fünf“, dann eine weitere unverschlossene Tür, die zu einem Amt führt, wo wohl ein paar Leute auf irgendeine Bescheinigung zum Fischen warten. Also ich mit meinen Klamotten da durch bis zur nächsten Tür zum Flur der Appartments. Hieir war der Code schon komplizierter. Für mein Zimmer dann der dritte Code. Leider ist’s mit der Weitsichtigkeit auch schon bei mir angekommen, so dass ich alle Codes nochmal in großen Zahlen auf Papier notiere, damit der Heimweg nachher auch klappt. Aber für weniger als 30€ die Nacht eine klasse Sache. Meistens sogar mit Nespresso Automat und Küchenzeile. So ist das Frühstück Marke Eigenbau für morgen auch schon klar. 

Ich bin heute in Marienwerder (Kwidzyn). Nicht viel los hier, aber ein riesiges Kloster überragt die Stadt. Die Orgelmusik von drinnen zieht mich an. Ich setze mich leise in die letzte Bank und lausche dem laufenden Gottesdienst. Für mich ist Orgelmusik immer noch magisch und noch viel mehr in diesem beeindruckenden Kirchenschiff. Von den Gesängen verstehe ich nichts, aber auf LED Anzeigen wird der Text angezeigt. Ich bleibe einige Zeit sitzen und lasse alles auf mich wirken. Mit mir sitzen maximal 20 Personen in der Kirche, alle grauhaarig. Ob in 10 Jahren hier wohl niemand mehr hingeht? Irgendwie Schade, aber ich bin auch kein gutes Vorbild in normalen Zeiten.

Vor dem Schlafengehen werden alle Codes erfolgreich eingegeben und ich freue mich auf den nächsten Tag. Hoffentlich ist die Mücke von gestern nun wirklich tot.

 

 




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